Viel Geschrei um viel Geschichte

Ein historischer Spaziergang durch Kingston, der ersten Hauptstadt des kolonialen Kanada

Von Jörg Michel

KINGSTON. Es ist ein warmer Sommertag auf dem Marktplatz von Kingston. Chris Whyman trägt einen roten Festumhang und schwingt seine Handglocke aus Messing. “God save Kingston, God save the Queen”, ruft er und viele Besucher schauen neugierig rüber: Wer bloß ist der Mann mit dem markanten Dreispitz auf dem Kopf, der ein wenig aussieht wie aus dem vorvergangenen Jahrhundert?

Whyman ist der offizielle Stadtschreier von Kingston, einer der ältesten Städte in Kanada. Als solcher preist er heute im Auftrag des Fremdenverkehrsamtes die wichtigsten Sehenswürdigkeiten seiner Heimat. In Gedichtsform rezitiert er Verse über die historischen Kalkstein-Gebäude, die schnuckeligen Gassen, die Gaslaternen, den alten Hafen oder die militärischen Befestigungsanlagen der Stadt.

So oder so ähnlich muss es auch im 19. Jahrhundert geklungen haben, als Whymans schreierische Vorgänger den Bürgern von Kingston mit markanten Reden die Neuigkeiten des Tages nahe brachten. Den Touristen scheint die kostenlose Vorstellung jedenfalls zu gefallen. Whyman kann sich kaum retten vor Besuchern mit Smartphone und Selfie-Stick, die sich unbedingt mit ihm fotografieren lassen wollen.

Geschichte wird in Kingston groß geschrieben: Die Stadt an der Mündung von Ontario-See und Sankt-Lorenz-Strom gilt als historisches Zentrum der britischen Loyalisten in Nordamerika und neben Québec City als wichtigstes Beispiel für das koloniale Kanada. “Wir haben so viel Historie, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll”, erzählt Whyman während er mit seinen barocken Schuhen über das Kopfsteinpflaster schreitet.

Dann zählt Whyman einige Meilensteine auf: In Kingston wurde nicht nur der erste Bauernmarkt Kanadas abgehalten, das erste große Gefängnis des Landes gebaut, die erste anglikanische Kirche eröffnet, die erste Zeitung gedruckt und eine der ältesten Universitäten gegründet. Von 1841 bis 1844 war Kingston auch die erste Hauptstadt der vereinigten Kolonien von Kanada – dem Vorgängergebilde des heutigen Kanada. Später verlieh Königin Victoria die Ehre aus geografischen und militärischen Gründen an Ottawa, wo 1867 die Nation in ihrer heutigen Form formal gegründet wurde.

Passend zum 150. Geburtstag Kanadas in diesem Jahr können sich Besucher auf einer einstündigen Tour im Trolley-Bus einen Überblick über die Kolonialgeschichte Kanadas verschaffen. Los geht’s am Rathaus mit seiner imposanten Renaissance-Kuppel, danach führt die Tour zum Stadtpark. “Hier sollte einmal das kanadische Parlament gebaut werden, bis dahin tagten die Abgeordneten im Krankenhaus von Kingston”, berichtet Whyman, und zeigt auf eine Grünfläche mit einer Bronzestatue.

Auf dem Denkmal thront der berühmteste Sohn der Stadt: Sir John A. Macdonald. In Kanada kennt ihn jedes Schulkind, auch weil sein Portrait auf dem Zehn-Dollar-Schein prangt. Macdonald war einst der erste Premierminister des Landes, das er 19 Jahre lang regierte. Als solcher hatte er die oft zerstrittenen anglo- und frankokanadischen Landesteile geeint. Seitdem gilt er als einer der Gründungsväter der Nation, als eine Art Otto von Bismarck oder George Washington von Kanada.

Ein paar Trolley-Stops weiter in der Centre Street hatte Macdonald eine Zeitlang gelebt. Im “Bellevue House”, einer im italienischen Stil gebauten Villa, hatte er an seinen Karrieren als Anwalt und Stadtverordneter von Kingston gearbeitet, bevor er zum Politiker aufstieg. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wird von der kanadischen Nationalparkbehörde als Freilichtmuseum betrieben.

“Willkommen in den frühen Jahren Kanadas”, meint Michelle Bouchier bevor sie die Besucher durch die Räume führt. Die Studentin arbeitet als kostümierte Magd im “Bellevue House” und zeigt Touristen auf einstündigen Touren die Familienräume, das Arbeitszimmer, sogar den Gemüsegarten des prominenten Premiers. Dazu gibt’s auch ein paar Anekdoten, die nicht immer zur propperen Geschichtsschreibung passen.

Dazu gehört Macdonald’s Faible für die Spelunken der Stadt. In einigen soll er nächtelang gezecht haben, erzählt der politische Historiker Arthur Milne, der selbst in Kingston wohnt und ein Buch über den ersten Premier geschrieben hat. Manche der Kneipen hatten ihm sogar selbst gehört. Im der “Royal Tavern” in der Princess Street hängen noch heute die alten Grundbuchauszüge aus jender Zeit. Im “Sir John’s Public House”, einem Pub in der King Street, befand sich einst sein Anwaltsbüro.

Ein paar Minuten weiter mit dem Trolley dann der Höhepunkt von Kingston: Fort Henry. Errichtet wurde die Bastion aus Stein zwei Jahrzehnte nach dem britisch-amerikanischen Krieg von 1812 als Festung gegen eine mögliche Invasion aus den USA (zu der es allerdings nie kam). Bei gutem Wetter kann man die Nachbarn im US-Bundesstaat New York von hier mit dem Fernglas auf der anderen Seite des Sankt-Lorenz erspähen.

Heute gehören das Fort und das Gelände drumherum zum Weltkulturerbe. Mit eingeschlossen ist auch der Rideau-Kanal, ein als militärische Nachschubroute gedachter Seeweg, der Kingston mit Ottawa verbindet und heute als beliebtes Revier für Bootstouristen gilt. Im Fort selbst waren einst bis zu 400 Soldaten stationiert, heute haben Studenten der nahen Militärakadamie von Kingston hier das Kommando.

“Stillgestanden, neue Gäste sind im Anmarsch”, ruft Fähnrich Kateen Massey-Allard als die Besucher das Fort betreten. Am Fahnenmast drinnen weht wie einst der britische Union-Jack, Kadetten in scharlachroten Uniformen und schwarzen Hosen proben gerade den Drill und Soldaten bereiten 24-Pfünder für die täglich Mittags-Kanone vor.

Punkt zwölf Uhr ist es soweit: Ein Offizier ruft ein paar schnittige Kommandos und ein Soldat stopft mit einer langen Latte Schießpulver in eine Kanone, die auf einer der mächtigen Wehrmauern des Forts steht. Dann auf einmal gibt es einen riesigen Knall. Die Mauern beben, die Holztüren wackeln, der Rauch steht hoch über dem Horizont. Spätestens hier und jetzt fühlt man sich zurückversetzt in die Anfangsjahre Kanadas.

2017-07-03T22:51:01+00:00 June 30th, 2017|