Signal für die Vielfalt

Mit einem neuen Gesetz will Kanada Transgender-Personen umfassend vor Diskriminierung schützen und die Neutralität der Geschlechter fördern

Von Jörg Michel

EDMONTON. Schon als Kind wußte Marni Panas, daß sie irgendwie anders ist. “Ich habe mich nie als Junge gefühlt, habe nirgendwo richtig reingepasst und habe lange mein wahres Ich versteckt”, erzählt Panas. So ging es ihr beim Sport, beim Gang zur Toilette, beim Arzt, beim Anziehen zu Hause. Damals trug sie noch den Vornamen Marcel und lebte in einem kleinen Städtchen in den Prärien Kanadas.

Heute ist Panas eine schlanke Mittvierzigerin mit langen Haaren und wohnt in der Großstadt Edmonton. Vor zwei Jahren hat sie ihren männlichen Geburtsnamen abgelegt und lebt seitdem auch ganz offiziell als Frau, mit jenem Geschlecht also, mit dem sie sich identifiziert. “Das wahre Geschlecht findet sich im Herzen, im Verstand und in der Seele und nicht in den äußeren Geschlechtsmerkmalen”,sagt sie.

Für Panas war das Coming-out als Transgender ein steiniger Weg, verbunden mit Schmerzen, mit Ausgrenzung und Diskriminierung. Auch ihr heute neunjähriger Sohn Alex hat sich erstmal daran gewöhnen müssen, dass sein Vater auf einmal zur Mutter wurde. Doch dank der Unterstützung von Freunden und Familie und der Hilfe von Therapeuten hat es Panas geschafft.

Doch die größtmögliche Anerkennung erfuhr sie im November: Auf Initiative von Premierminister Justin Trudeau beschloss das kanadische Unterhaus ein umfassendes Gesetz zum Schutz und zur Gleichberechtigung von Transgender-Personen. Für Menschen wie Marni Panas also, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht nur unzureichend oder gar nicht identifizieren können.

Das neue Gesetz schreibt jetzt erstmals verbindlich fest, was immer mehr Gerichte in Kanada zuletzt diktiert hatten: Niemand in Kanada darf vom Staat wegen seiner geschlechtlichen Identität oder seinem Geschlechtsausdruck benachteiligt werden. Haßpredigten gegenüber Transgender-Personen sind illegal. Verbrechen, die auf Vorurteilen oder gar Haß beruhen, werden schärfer bestraft als bisher.

Konkret wird das neue Gesetz dazu führen, daß immer mehr Einrichtungen geschlechterneutrale Toiletten, die allen offen stehen, einführen werden. Transgender- Beamte haben einen einklagbaren Anspruch auf einen diskriminierungsfreien Arbeitsplatz. Gefängnisse müssen Strafgefangene gemäß ihrer Geschlechtsindentität unterbringen. Nach dem Unterhaus muss jetzt noch der Senat zustimmen.

Das geplante Gesetz strahlt auch auf Behörden aus: Reisepässe sollen die Option eines “neutralen Geschlechts” erhalten. Ein erster Schritt ist schon umgesetzt: Auf der elektronischen Einreisegenehmigung für Kanada, die alle Besucher aus dem Ausland seit kurzem beantragen müssen, kann man beim Geschlecht neben “männlich” und “weiblich” neuerdings auch “sonstiges” ankreuzen.

Zehn der dreizehn Provinzen, die in Kanada für Erziehung und Soziales zuständig sind, haben ebenfalls Reformen eingeleitet. In Ontario wurden Geschlechtsangaben auf Führerschein und Versichertenkarten gestrichen. In British Columbia können Bürger das Geschlecht auf der Geburtsurkunde auch ohne Operation ändern lassen. In Alberta müssen Schulen geschlechtsneutrale Toiletten einrichten und Lehrer werden angehalten, im Unterricht geschlechtsneutrale Formulierungen zu verwenden.

“Kanada sendet ein starkes Signal der Inklusion, besonders in diesen Zeiten, wo Donald Trump in den USA genau das Gegenteil verkörpert”, meint Kristopher Wells vom Institut für sexuelle Minoritäten der Universität von Alberta. Tatsächlich gilt Kanada weltweit als ein Vorreiter bei Rechten von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und solchen, die sich auf kein Geschlecht festlegen (“LGBTQ”).

Unter Trudeaus Vater Pierre Elliott, dem 15. Premierminister Kanadas, wurden homosexuelle Handlungen 1969 weitgehend entkriminalisiert. Sexuelle Minderheiten werden seit 1982 von einem weitreichenden Grundrechtekatalog geschützt. Im Militär dürfen LGBTQ-Angehörige seit 1992 dienen. 2005 öffnete Kanada als erstes Land außerhalb Europas und als viertes Land weltweit die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Lesben und Schwule können gemeinsam Kinder adoptieren .

Im Wahlkampf hatte Justin Trudeau in einem Videospot gezielt um die Stimmen der Transgender-Wähler geworben. Als erster Premier des Landes hat er auf dem Parlamentsgelände in Ottawa die Regenbogenfahne hissen lassen und an den Christopher-Street-Day Paraden in Toronto, Montréal und Vancouver teil genommen. Der Text der Nationalhymne wurde geschlechtsneutral verändert.

Zwar sind nicht alle Kanadier mit der Gleichstellung einverstanden. Kritik an gibt es in kirchlichen und konservativen Kreisen und manche meinen, das neue Gesetz schränke die Meinungsfreiheit zu weit ein. Doch deren Einfluß schwindet. Nach einer Umfrage des Angus Reid Instituts sind 84 Prozent aller Kanadier für das neue Gesetz, 59 Prozent sind für eine Neugestaltung der Personalausweise.

“Ich bin so unglaublich stolz auf mein Land”, sagt Marni Panas. Ob und wie das Gesetz ihr Leben genau verändern wird, weiß sie noch gar nicht. Doch das steht für Panas ohnehin nicht im Vordergrund. “Mein ganzes Leben lang habe ich auf ein Signal gewartet, daß der Staat meine Identität und meine Familie genauso akzeptiert wie wie alle anderen auch”, sagt sie. Jetzt hat sie dieses Signal bekommen.

2017-05-08T23:53:29+00:00 April 4th, 2017|