Wir sind die Nacht!

Ein Besuch im Jasper Nationalpark in den kanadischen Rocky Mountains, einem der größten Sternenlicht-Reservate der Welt.

Von Jörg Michel

JASPER. Irgendwo hier oben muss er sein. In einem Gewölbe aus Sternen, die am Firmament kleben, als hätte eine unsichtbare Hand sie hier ausgeschüttet. Meine Augen suchen nach jenem markanten Punkt, den Astronomen M31 nennen, doch sie verirren sich in der Tiefe der Nacht. Schließlich wandern sie nach unten, finden Halt an schemenhaften Berggipfeln, Baumkronen und einem See, dessen Oberfläche in der Dämmerung schimmert wie Zellophanpapier.

Es ist eine klare Nacht im Jasper Nationalpark in den Rocky Mountains, einem der angeblich dunkelsten Orte der Welt. So dunkel, dass man M31 auch ohne Fernglas oder Teleskop sehen müsste. Die Andromeda-Galaxie ist jener sagenhafte Ort über zwei Millionen Lichtjahre über uns, den auch schon Käptn Kirk und Major Perry Rhodan besucht haben, Hollywood sowieso. Ein Sehnsuchtsort aus der Jugendliteratur, das weiteste Objekt, das man von der Erde mit blosem Auge erkennen kann. Eigentlich. Meine Großstadtaugen aber spielen erstmal nicht mit.

Besucher wie mich hat Matthew Parker fast jede Nacht. Matthew arbeitet als Kellner in der Fairmont Jasper Park Lodge, einem romantischen Blockhüttenhotel im Wald zwischen idyllischen Seen und schneebedeckten Gipfeln. Genauso wie das Bedienen liebt Matthew die Sterne. Nach seiner Schicht arbeitet er manchmal als eine Art hauseigener Astronom und zeigt Tagkindern wir mir, was für meine Großeltern noch selbstverständlich war: den dunklen Nachthimmel.

“Wir leben in einer Gesellschaft des Lichts. Wir arbeiten unter Scheinwerfern und knipsen Lampen an, wenn es Nacht wird. Wir fürchten die Dunkelheit “, meint Matthew und zitiert eine Statistik: Drei Viertel aller Menschen auf der Welt können wegen der starken Lichteinstrahlung auf der Erde keine Sterne mehr sehen, keine Planeten oder Galaxien und kennen das Weltall nur noch aus dem Kino. So wie ich.

Mittlerweile ist es weit nach Mitternacht, es hat ein paar Grad über Null. Hohe Bäume schirmen den Schimmer vom nahen Hotel ab. Ich stehe mit Matthew am Ufer des Lake Beauvert und habe längst einen steifen Nacken vom Nach-Oben-Gucken. In der Ferne heult ein Wolf und im See plätschert irgendwas. Auch im Gebüch raschelt es und ich halte kurz inne. Ein Bär? Ein Kojote? Oder doch nur eine Maus?

Wir lassen uns nicht ablenken und machen uns wieder auf die Spur von M31. Matthew führt wie ein Jedi mit seinem grünen Laser-Marker über den Himmel, zuerst zu einem Sternbild, das aussieht wie ein großes “W”. Er erklärt es ganz plastisch, so dass auch ich es verstehe: “Das W ist kein W sondern Kassiopeia. In der griechischen Mythologie war sie die Gemahlin des Königs Kepheus und der Andromeda.”

Andromeda? Offenbar kommen wir der Galaxie näher. Matthew zieht vom “W” eine Linie zu einem veschwommenen Fleck: eine Billionen Sterne, 200 bis 400 Milliarden Sonnenmassen, 140.000 Lichtjahre Durchmesser und doch nur ein kleiner Punkt am Himmel. Matthews Zahlen sprengen meine Vorstellungskraft und ich fühle mich ziemlich klein. Ob sich der persische Astronom Al-Sufi ähnlich gefühlt hat, als er die Andromeda-Galaxie im 10. Jahrhundert entdeckte und als “kleine Wolke” beschrieb?

Ich spähe durch das Fernglas, gespannt, was ich sehe: erstmal nichts. Eine Wolke hat sich gerade vor die Sterne geschoben, ich muss es also später nochmal versuchen. Doch in Jasper sind die Chancen so gut wie an nur wenigen Orten, denn hier steht der Nachthimmel quasi unter Schutz. Der Nationalpark ist ein Sternenlichtreservat, eines von 15 in Kanada und 27 weltweit. Es ist eines der größten seiner Art weltweit und eines der dunkelsten, das für Besucher leicht zugänglich ist. Nur 4000 Menschen leben in dem bergigen Gebiet, das größer ist als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Da bleibt viel Platz für’s Dunkle.

Auf dem Weg ins einzige Dorf weicht das Schwarz allmählich einem gelblichen Glimmen. Auf einer Wiese am Highway grasen auf einer Lichtung ein paar Hirsche, nach ein paar Kilometern taucht das Ortsschild “Jasper” auf. Hier kann ich die Suche nach M31 gleich wieder einstellen. Zu viele Laternen, zu viele Scheinwerfer, zu viele Souvenirshops mit Leuchtreklame. An einigen Fassaden prangen noch Ketten mit Weihnachtslichtern.

Richard Ireland ist so etwas wie der Herr über die Lichter und er will dafür sorgen, dass es im Ort davon immer weniger gibt. Der schlanke Mann mit Halbglatze ist der Bürgermeister und sein Job ist es, Jasper noch dunkler zu machen. Denn Sternenlichtreservat wird nur, wer sich verpflichtet, die Lichtverschmutzung durch Abstrahlung aktiv zu reduzieren.

Wir stoppen an einer Kreuzung. “Das sind unsere neuen Natriumdampf-Hochdrucklampen”, erklärt Ireland und zeigt nach oben.”Sie locken keine Insekten an, strahlen nicht nach oben ab und leuchten bernsteinfarben und nicht weiß.” Für mich sehen die Laternen erstmal aus wie alle anderen. Aber ich steige aus und tatsächlich wirkt das Licht etwas fahler als gewohnt. Für einen Blick auf die Galaxie reicht’s trotzdem nicht, auch wenn Ireland mittlerweile knapp ein Drittel der Straßenlaternen ausgewechselt hat.

Der Bürgermeister ist überzeugt, dass Menschen aber auch Tiere von der Dunkelheit profitieren. “Weniger Licht ermöglicht einen besseren Blick auf die Sterne, bedeutet aber auch mehr Lebensqualität.” Er berichtet von Studien, die herausgefunden haben wollen, dass zu viel Helligkeit den natürlichen Rhythmus stört. Menschen schlafen schlechter, Tiere pflanzen sich angeblich schlechter fort, verirren sich häufiger bei der Migration oder sehen schlicht schlechter.

In einem großen Schutzgebiet sollte das alles eigentlich kein großes Problem sein, doch selbst in Jasper ist die Sache nicht ganz so einfach. Zum Beispiel bei einem der letzten Dunkelheits-Festivals, zu dem jeden Herbst Astronomen und Sternegucker aus aller Welt mit ihren Teleskopen in den Park reisen. “Ich wollte zum Festival alle Straßenlaternen ausschalten für eine richtig schöne Starparty”, berichtet Ireland. Doch die Polizei hatte Bedenken wegen der Sicherheit, die Elektrizitätswerke behaupteten, es sei technisch zu kompliziert. Also blieb es im Ort hell.

“Sie sollten es im Hinterland versuchen, dort ist die Dunkelheit noch pur”, rät der Bürgermeister. Geeignete Orte für Sternen-Amateure wie hat es in Jasper zuhauf: Zum Beispiel auf einer kleinen Insel im Pyramiden-See unweit des Dorfes. Oder am Athabasca-Gletscher an der Panoramastraße Icefields-Parkway, die vom Banff Nationalpark nach Jasper führt. Ich aber entscheide mich für das Tonquin Valley, ein Hochtal in der Wildnis. Ob ich die Galaxie dort finde?

Einen langen Wandertag später sitze ich auf einem Baumstamm vor der “Edith Cavell Cabin”, einer Outfitterhütte auf 2000 Metern. Es ist Neumond, die Luft ist frisch und klar. Über dem Tal liegt der würzige Duft von Bergkräutern und Wildblumen. Auf einer Wiese grasen Packpferde, dem einzigen nicht-menschlichen Transportmittel hierher. Nebenan liegen Waldkaribus im Gebüsch. Die Stirnlampe flackert, sie ist die einzige Lichtquelle weit und breit.

Als ich sie auschalte ist es schwarz, nichts als schwarz. Das Tal ist ein Klasse-Eins-Ort – so nennen Astronomen Gegenden mit einem außergewöhnlich dunklem Himmel. In Mitteleuropa gibt es solche Orte schon nicht mehr. Hier aber erkenne selbst ich sofort den Polarstern, dann den große Wagen. Als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben taucht die Milchstraße auf. Sie glitzert am Himmel wie ein Haufen Diamantenstaub, wie ein großes leuchtendes Band am Firmament.

Mitten im Himmelsinferno: Kassiopeia, das große “W”. Ich ziehe eine imaginäre Linie über den Nordhimmel, so wie es Matthew gemacht hat. Die Andromeda-Galaxie ist nur ein kleiner Punkt in einem Meer von Millionen und auf den ersten Blick sieht sie so aus wie die anderen Sterne. Also greife ich zum Fernglas. Ich finde weder Käptn Kirk noch Major Perry Rhodan, doch die hatte ich auch nicht wirklich erwartet. Dafür ein flauschiges Gebilde, das in etwa so aussieht wie ein Mini-Wattebausch. Ich bemühe meine Phantasie und bin schon bald überzeugt, einen Ring mit leuchtenden Partikeln zu erkennen. Ob irgendwo dort oben gerade jemand im Dunkeln sitzt und auch auf unsere Galaxie schaut?

Als ich das Fernglas zur Seite lege erkenne ich einen Schatten im Gras. Mein Schatten. Kann das sein? Ist es denkbar, dass die Sterne scheinen? Noch als ich an mir zweifle, ziehen über der Bergkette gegenüber grüne und bläuliche Lichter auf, erst schwach, dann immer stärker. Sie wippen, tanzen und ziehen bunte Schleier über den Himmel wie eine große Overtüre des Lichts. Es müssen Polarlichter sein. Spätestens jetzt verstehe ich, was echte Dunkelheit ausmacht. Sie ist gar nicht dunkel. Sie ist sternhell.

Photocredit: Parks Canada/Ryan Bray
2017-05-08T23:53:25+00:00 April 4th, 2017|