Ikonen eines Landes

Kanada feiert dieses Jahr seinen 150. Geburtstag. Besucher können sich in den historischen Eisenbahnhotels der “Canadian Pacific Railway” auf die Spuren der Geschichte und der ersten Touristen des Landes begeben

Von Jörg Michel

BANFF. Es ist ein verhangener Herbstmorgen irgendwo in den weiten Wäldern der kanadischen Rocky Mountains: Bärtige Männer in Anzügen und schwarzen Zylinderhüten stehen auf matschigem Boden zum feierlichen Zeremoniell. Einer der Männer, der Bankier Donald A. Smith, greift zum Hammer und rammt den letzten Nagel in die Holzschwelle. Geschafft. Die transkontinentale Eisenbahn ist fertig.

Was für eine Leistung! Nach schwierigen Bauarbeiten haben die Arbeiter der “Canadian Pacific Railway” am Eagle Pass in British Columbia soeben den Brückenschlag von Ost nach West und damit die Einheit des Landes vollendet. Es ist das Jahr 1885 und kaum eine historische Szene ist in Kanada so berühmt wie jene mit dem “letzten Nagel”.

Roberto Garito erzählt die Episode mit einer Inbrunst als hätte sie sich erst gestern zugetragen. “Der letzte Nagel war wie die Geburtsstunde unserer Nation, denn er brachte die Siedler im Westen in den Schoß der kanadischen Familie”, erklärt er das berühmte Schwarzweiß-Foto. Auch eine Nachbildung des Nagels hat er parat an diesem Tag. Das “Ah” und “Oh” der Besucher ist nicht zu überhören.

Garito arbeitet als Gästeführer im Banff Springs Hotel, einer Luxusherberge, die in besonderer Weise mit dem Nagel und den Gründerjahren Kanadas verwoben ist. Das Schlosshotel im Banff Nationalpark liegt nur ein paar hundert Kilometer vom Ort des Brückenschlags entfernt und gilt als das berühmteste von mehreren Eisenbahnhotels, mit deren die “Canadian Pacific Railway” nach der Fertigstellung der transkanadischen Strecke neue Siedler und Touristen in das Land bringen wollte.

“Einer der Bahnmanager hat damals gesagt: Da wir die grandiosen Landschaften nicht exportieren können, müssen wir die Menschen eben importieren”, erzählt Garito auf seinem einstündigen Rundgang durch das Hotel, das mit seinen pittoresken Türmchen und Erkern einem schottischem Schloss nahe kommt. Dazu passt Garitos Outfit: Er trägt eine karierte Krawatte, einen grünen Schottenrock und polierte Stiefel mit Dolch.

Seine Touren sind gefragt, denn Kanada feiert dieses Jahr 150. Geburtstag und die legendären Eisenbahnhotels wie das Banff Springs verkörpern die Geschichte des Landes wie nur wenige Monumente. Mehr als ein Dutzend Chalets, Resorts oder Stadthotels hatten die Bahnmanager zwischen Atlantik und Pazifik bauen lassen, um die Vision einer Nation von “Küste zu Küste” zu verwirklichen. Manche Hotels wurden mittlerweile geschlossen, viele aber stehen noch und gelten heute als Ikonen Kanadas.

Das Banff Springs mit seinen 764 Zimmern, dem 36-Loch-Golfplatz und elf Restaurants und Bars gehört wie viele der Eisenbahnhotels heute zur Fairmont-Kette und gilt als eines der am meisten fotografierten Hotels der Welt. Millionen Besucher reisen jedes Jahr in die Bergwelt der Rocky Mountains, um von der Hotelterrasse aus die schneebedeckten Gipfel, kristallklaren Seen und rauschenden Wasserfälle zu bestaunen oder, um in den heißen Quellen am Fuße des Sulphur Mountain zu baden.

Auch andernorts in Kanada lebt die Tradition der Eisenbahnhotels fort. In Québec City im Osten checkten die ersten Trans-Kanada-Reisenden einst im majestätischen “Chateau Frontenac” ein, bevor sie sich auf ihre 5.500 Kilometer lange Bahnfahrt über den Kontinent machten. Das Hotel, das 1893 eröffnet wurde, thront bis heute wie eine Trutzburg über der historischen Altstadt von Québec, die zum Weltkulturerbe gehört.

“Im Umkreis von wenigen Minuten rund um das Hotel gibt es so viel kanadische Geschichte zu erleben wie nirgendwo sonst”, erzählt Tourguide David Mendel während er seine Gästen auf die Terrasse Dufferin vor das Hotel führt. Hier steht die Statue von Samuel de Champlain, der Québec 1608 einst gründete. Ein paar Schritte weiter gibt’s das Schlachtfeld Plaines d’Abraham zu sehen, auf dem die Engländer die Franzosen 1759 schlugen und das Ende der französischen Kolonialzeit in Nordamerika einleiteten.

Im Hotel selbst rühmt man sich der vielen prominenten Gäste, die hier abgestiegen sind. “Hier wimmelte es nur mit VIPs”, erzählt Mendel. Winston Churchill und Theodore Roosevelt stimmten 1943 unter dem ikonischen grünen Hoteldach ihre Strategien im Zweiten Weltkrieg ab. Auch die britische Königin Elizabeth II machte der Herberge ihre Aufwartung. Alfred Hitchcock und Paul McCartney nächtigten dort.

Nach vier Tagen Bahnfahrt in den holzvertäfelten Salonwagen der “Canadian Pacific Railway” über Toronto, Winnipeg und Calgary erreichten Trans-Kanada-Reisende schließlich das andere Ende des Kontinents am Pazifik. Heute bedient die Passagiergesellschaft Via Rail mit ihrem Zug “The Canadian” die Strecke bis nach Vancouver – allerdings auf einer nördlicheren Route über Edmonton und Jasper.

In Vancouver angekommen wurden Gäste gewöhnlich von Männern wie David Reid empfangen. Reid arbeitet als Concierge im Hotel Vancouver, dem ältesten Stadthotel der “Canadian Pacific Railway” in Kanada. Eröffnet wurde es zwei Jahre nach dem historischen Brückenschlag und nach mehreren Umzügen beherbergt es seine Gäste heute in der Innenstadt gegenüber der Vancouver Art Gallery.

Das im Renaissance-Stil gehaltene Gebäude war einst das höchste der Stadt, hat ebenfalls ein grünes Dach, dazu 557 Zimmer, Treppenaufgänge aus Marmor und elegante Ballsäle. “Das Hotel Vancouver gehört zur Identität der Stadt wie Chinatown oder der Stanley Park und hat zum Auftieg Vancouvers beigetragen”, erzählt Reid, während seinen Gästen im hauseigenen Restaurant “Notch 8” frischen Tee eingießt. Hier wird heute einen Klassiker der Bahnreisenden von einst serviert: einen britischen Afternoon Tea mit Earl Grey, Scones und feinen Tee-Sandwiches.

Die transkontinentale Eisenbahn hatte auch für Vancouver große Bedeutung. Nach dem Brückenschlag habe sich die Zahl der Bewohner innerhalb kürzester Zeit vervierfacht, erzählt Reid weiter. Dank der Bahn und ihren Hotels kamen immer mehr Immigranten in die Stadt – und mit ihnen später Touristen aus aller Welt. Heute besuchen jedes Jahr zehn Millionen Menschen Vancouver und zwanzig Millionen Touristen aus dem Ausland bereisen Kanada. Dem letzten Nagel sei Dank.

2017-11-22T23:03:04+00:00November 22nd, 2017|